Archives Juni 2023

Tag 3: Freitag

Den Freitag beginnen wir im Theater Oberhausen. Der ansässige Jugendclub lädt uns in ihre Werkschau von “ICH GLAUBE ES REICHT” ein, die in der kommenden Woche Premiere feiern wird. Auf einem feindlichen Planeten sollen drei Gruppen von Auserwählten den jahrhundertelangen Krieg nun endlich lösen: Die konfliktfreudigen Kämpfer*innen wollen alle als Sieger*innen aus der Schlacht hervorgehen. Und obwohl sie sich mit Schwertern und Zauberkräften gegenseitig töten wollen, scheint “sterben” für manche doch ein Fremdwort zu sein. Lustig und kurzweilig und zum Schluss dann mit einem eindringlichen Aufruf nach Frieden unterhält uns der Jugendclub mit dieser Werkschau: Ein herzliches toi toi toi für die Premiere!

Beim Nachgespräch kommt die Frage auf, wie die Geschichte entstanden ist: Nach der knappen Antwort “Irgendwie” wird es dann doch noch ausführlicher. Das Album Chordata Bytes I von Imogen Heap fungierte als Leitfaden: Zu Songs wurden Geschichten geschrieben und szenische Ideen ausprobiert. Zum Abschluss wird einem der Spieler ein Ständchen gesungen, da er heute Geburtstag hat. 

Nun steht uns eine längere Zugfahrt bevor: Von Oberhausen rüber zum KJT in Dortmund. Dort werden wir glücklicherweise wieder vom Mittagssnack begrüßt: Es gibt Nudelsalat!

Der Jugendclub des KJT spielt anschließend “bodybild [and now i’m gonna roll myself in glitter and roll down that hill wie eine nuss im herbst]”. Die Spieler*innen beschäftigen sich mit den vielen Urteilen, Vorschriften und Idealen, die auf Körper angewendet werden: Sei schön, sei aber nicht eitel, sei groß, aber nicht zu groß, sei schlank, aber nicht dürr. Die Spieler*innen tanzen und reden sich durch diese Konflikte hindurch. Nach anfänglich viel Humor in Bezug auf absurde Körpervorstellungen wird es nach und nach immer verletzlicher und komplexer: Unendlich viele Vorstellungen prasseln von außen auf uns ein und werden irgendwann zu unseren eigenen Gedanken. Kann ich mich davon befreien und wenn ja, wie? Gelassen werden dabei Waffeln gebacken und gegessen.

Beim Nachgespräch herrscht eine ermutigende Stimmung: Die eigenen Erlebnisse werden ausgetauscht und die Spieler*innen erzählen, dass ihr Blick auf ihre eigenen Körper im Laufe der Probenzeit entspannter geworden ist: Der Bauch darf so viel Platz einnehmen wie er möchte. Lasst uns alle wohlwollend und freundlich mit unseren Körpern umgehen!

Im kühlen Theatercafé des KJT hat das UnruhRgebiet dann eine Schreibmeditation vorbereitet: Bei ruhiger Musik kann sich jede*r mit der eigenen Identität auseinandersetzen. Welche negativen, aber auch positiven Sachen, erzähle ich mir über mich selbst? Wer möchte, kann seine*ihre Texte auf zwei Bilder schreiben, die bei der Ausstellung am Samstag verwendet werden. Aber auch Zettel für ganz persönliche Notizen liegen bereit. Es kann hilfreich sein, das eigene Selbstbild aufzuschreiben – um es sich entweder bewusst zu machen und bei manchen Dingen auch, um sie loszulassen.

Das letzte Stück des Tages ist “Next Step! From Dystopia to Utopia” vom Jugendclub des Schauspiel Dortmund. Das Stück beginnt mit einer Anklage: Die Schule bringt einem viel bei – nur das Wesentliche scheint aus dem Lehrplan gestrichen: Wie entwickle ich ein gutes Selbstwertgefühl? Wie lerne ich, meinen Körper zu akzeptieren? Wie führe ich ein glückliches Leben? Um sich so ein glückliches Leben besser vorstellen zu können, switchen wir dann in ein Hotel und jede*r kann in eine neue Rolle schlüpfen. Wäre mein Leben als Hotelpage meine Utopie oder Dystopie? 

Im Nachgesprächs-Plenum geht es dann um die verschiedenen Vorstellungen von Utopien und Dystopien: Am Meer zu Wohnen ist für Nichtschwimmer*innen wahrscheinlich kein Lebenstraum.

Das Sahnehäubchen auf diesem wunderbaren Tag ist das Abendessen: Gnocchi mit Pilzsauce. Der Hof des KJT lädt dazu ein, den Abend gemütlich ausklingen zu lassen: Es wird geschnackt und gespielt, bis sich nach und nach alle auf den Heimweg machen. 

Tag 2: Donnerstag – Jetzt mit Tauben!

Tag 2 startet direkt mit Sonnenschein. Im neuen Wartesaal des Herner Bahnhofs warten wir auf die Vorstellung im alten Wartesaal: Die Gruppe pottspiel vom theaterkohlenpott zeigt uns “gekommen, um zu gehen”. Die Performer*innen beginnen mit Kontaktgesuchen: Versteht mich hier jemand? Braucht jemand Hilfe bei Grafik-Design? Die unterschiedlichen und doch ähnlichen Figuren suchen ihren Platz in der Welt. Und so sucht auch das Publikum seinen Platz im Raum. Der ganze Saal ist Bühne und Zuschauerraum zugleich – kaum habe ich meinen Platz gefunden, werde ich mal höflich, mal barsch darum gebeten, mich anders zu positionieren. Der Schwarm der Performer*innen findet sich immer wieder zusammen, um sich dann in kleinen Monologen oder Duetten sehr verletzlich zu zeigen. Die rührenden Momenten werden dann oft durch humorvolles Spiel aufgefangen. 

Danach werden die Kleingruppen-Gespräche in der Sonne geführt, um sich zum Talk im Plenum wieder im Wartesaal zu versammeln. Das Publikum beschäftigt die Frage, warum die Performer*innen so krass tanzen können und ob die Texte selbst geschrieben waren (waren sie!)

Dann machen wir uns wieder auf die Reise: Auf nach Essen! Als Mittagssnack bringt uns die Wohnküche belegte Brote und Getränke. Auf dem Hirschlandplatz beim Schauspiel Essen machen wir ein Picknick. Aber nicht nur die UnruhR-Teilnehmer*innen sind hungrig: Unter Todesgefahr werden die Butterbrote erfolgreich gegen hungrige Tauben verteidigt.

Die Positronen bringen dann ihre Performance “Nichts. Oder was noch da ist” auf die Bühne. Mit sage und schreibe 22 Performer*innen begeben wir uns in eine befremdliche Welt: Die Figuren finden sich in einem leeren Raum wieder: Keine Bäume, keine Häuser, kaum bekannte Gesichter. Alle ‘alten’ Menschen sind verschwunden. Die, die noch da sind, befragen sich gegenseitig zur Situation: Was ist passiert? Wer trägt die Schuld? Wie wird es weitergehen? Eine bunte Mischung aus Charakteren bringt das Publikum zum Lachen und Feiern – Mit den richtigen Menschen ist es vielleicht gar nicht so bedrohlich, von Neuem anfangen zu müssen. 

Beim Nachgespräch geht es dann erstmal darum, wie man mit so einer riesigen Gruppe überhaupt probieren und spielen kann – zum Schlussapplaus passen die 22 Spieler*innen gerade so nebeneinander auf die Bühne. Auch die Charaktere werden befragt: Beruht die Sache mit dem 21-jährigen Anwalt tatsächlich auf einer wahren Begebenheit?!

Und schon steigen wir in die nächste Bahn: Es geht nach Duisburg!  

Der Spieltrieb zeigt uns “Die Tagesschau von vor 18 Jahren” von Simon Paul Schneider. Das Stück wurde zum 18. Geburtstag des Spieltrieb geschrieben und begleitet die Figur Joy und ihre Emotionen von Geburt an: Nebeneinander werden Weltgeschichte und das persönliche Aufwachsen eines Mädchens erzählt. Die Spieler*innen sind alle zugleich Joy: Ihre Angst, ihre Wut, ihre Vernunft, ihre Naturverbundenheit usw. Im Hintergrund agieren immer wieder geheimnisvoll der Tod und eine mysteriöse Figur, die sich als “Sport” vorstellt, aber nicht ganz ehrlich wirkt. Mit großer Spielfreude agieren die Darsteller*innen sehr lebendig und nehmen uns mit auf diese Zeitreise durch Lebens- und Weltgeschichte.

Nach dem Schlussapplaus geht’s dann wieder an die frische Luft: Die Pasta von der Wohnküche wird wieder mal als Picknick im Hof des Theater Duisburg genossen. Im Nachgespräch werden dann einige Fragen geklärt: Was hatte es mit dem “Sport” auf sich? Wie ist das Ende des Stücks zu verstehen? 

Nach der letzten Frage endet dann der offizielle Teil des Programms. Den lauen Sommerabend genießen wir dann noch eine Weile in Duisburg, bevor die Züge uns alle nach Hause bringen.

Tag 1: Mittwoch

Willkommen, bienvenue, welcome! Das diesjährige Gastgeberhaus Theater an der Ruhr ist gut vorbereitet. Es regnet, aber die Stimmung ist gut: Nach und nach treffen die Jugendclubs ein und der Stationenlauf beginnt. Jeder Club hat eine Aktion vorbereitet, um den Einstieg ins Festival zu versüßen: Wir alle bekommen Buttons mit unserem Namen und ein T-Shirt mit dem UnruhR-R. 

An einer Fotostation können die Teilnehmer*innen auch Polaroid-Erinnerungsfotos schießen lassen: Mit einigen glitzernden Hasenohren und aufgeblasenen Hanteln dekoriert, entstehen Bilder von neuen und alten Freund*innen.

Am Tarot-Tisch wird über die nahe und ferne Zukunft geredet, während in der Let’s-Talk-Ecke alternative Namen besprochen werden: Joy, Wilma, Rina? Am nächsten Tisch werden sich die Hände schmutzig gemacht: Mit Blumenerde, Katzenstreu und Blumensamen werden Saatbomben gebaut, die in den kommenden Tagen im Ruhrgebiet verstreut werden können. Draußen geht es darum, was utopisch und was dystopisch ist: Wo positionierst du dich? Und gleich daneben werden neue Warm-Up-Spiele gelernt.

Und schneller als gedacht kommen dann alle im Zuschauerraum zusammen. Was wäre eine Eröffnung ohne Reden? Alex Weinstock, ein Dramaturg vom Theater an der Ruhr, und Jonas Girod, ein Spieler aus dem Labor I, begrüßen uns ganz herzlich. Aus dem letzten Jahr haben sie die Zeitkapsel des UnruhRgebiets mitgebracht, in der die Teilnehmer*innen kleine und große Glücksmomente des Festivals gesammelt haben. Jede*r Redner*in zieht daraus ein Zettelchen und reagiert darauf spontan. Anschließend betritt Sven Schlöttke vom Theater an der Ruhr die Bühne: Er erinnert sich gern an die vergangenen Festivals – auch weil ein guter Teil seiner Kolleg*innen im Haus selbst mal Teil des UnruhR waren. Die Sozial- und Kulturdezernentin Dr. Daniele Growe erklärt dann, was ihren Beruf ausmacht (z.B. das beständige Engagement in der Politik, um Kultur-Orte und Kultur-Schaffende zu erhalten und angemessen zu bezahlen) und wünscht uns ein schönes Festival – Theater, Musik und Kunst sind schließlich unersetzlich. Festivalleitung Josephine Raschke und Theaterpädagogin Sarah Kranenpoot informieren uns weiterhin über den Ablauf des Festivals und geben uns einige andere Infos: In unserem Festivalbeutel war z.B. eine sehr große Sicherheitsnadel, an der wir im Laufe der vier Tage kleine Anhänger sammeln werden. Nach jedem Stück bekommt man für den Besuch einen thematisch passenden Charm. Zum Schluss heizen dann nochmal Merriell Woods, Anouk Heck und Knut Kolckmann vom UnruhRgebiet ein: Mit einer Dezibel-App wird gecheckt, welcher Club sich am lautesten auf das Festival freut. Anschließend verlassen wir nochmal kurz den Saal, um dem Labor II Zeit für die letzten Vorbereitungen zu geben.

“Let them hear chaos” ist eine Performance mit Texten von Kae Tempest. Die Spieler*innen vom Labor II bringen ein chaotisch-hypnotisches Musikvideo auf die Bühne. Die Texte von Kae Tempest werden chorisch gesungen, gequakt, geflüstert und geloopt. Das Publikum surft in den Lyrics, den Sounds und Choreographien mit. Ohne anklagend zu sein, werden die emotionalen Höhen und Tiefen gezeigt, die zu einem Leben mit Klimawandel, Krieg, Internet und Erwachsenwerden dazugehören. 

Zum Nachgespräch wurden die Jugendclubs dann durchmischt: In Kleingruppen werden die ersten Eindrücke ausgetauscht und Fragen an die Künstler*innen gesammelt. Auf Zettelchen werden die Highlights gesammelt und den Clubs geschenkt. Im Plenum betritt das Ensemble nochmal die Bühne, um von der Probenarbeit zu berichten und Gedanken mit dem Publikum zu teilen. Mit dem Labor II wird darüber geredet, wie toll ihre Energie auf der Bühne war und sie werden gefragt, wie dieses spürbare gegenseitige Vertrauen der Spieler*innen entstanden ist.

Danach gibt es das heiß ersehnte Abendessen: Die Wohnküche serviert Chili sin Carne mit einer Limonade der Wahl. Guten Appetit!

Bei der Performance “Fühlt sich an wie Treibsand” vom UnruhRgebiet beobachten wir dann zwei Spielerinnen, die sich auf verschiedenste Arten näher kommen und distanzieren: Mal als Vater/Kind, mal als getrenntes Pärchen, dann wieder als Freund*innen versuchen sie, ihre Beziehung zu erhalten – was hält Menschen zusammen? Aus wie vielen Whatsapp-Nachrichten besteht eine Freundschaft? Lässt sich eine zerrissene Beziehung durch Klebeband wieder kitten? Mit selbst geschriebenen Texten, selbst choreographierten Tänzen und selbst komponierten Soundcollagen zeigt das UnruhRgebiet uns eine sehr persönliche Performance. Danke, dass ihr das mit uns teilt!

Im Nachgespräch dazu wird dann lebhaft über die verschiedenen Rollen diskutiert: Wann waren die Spielerinnen Vater und Kind und wann nicht mehr? Muss es eine klare Lesart der Rollen geben? Die Teilnehmer*innen tauschen sich rege aus – auch über das Format UnruhRgebiet an sich: Woher nehmen die fünf Teilnehmer*innen die Motivation für ihre Arbeit? Beim UnruhRgebiet darf jede*r alle Positionen ausprobieren: Wer möchte schreiben, wer spielen, wer inszenieren? Die einzige Gruppe, die ohne zuständiges Haus operiert, kann man nur für ihren Tatendrang bewundern – wir freuen uns, sie in den kommenden Jahren immer wieder beim UnruhR Festival zu sehen. 

Und das war unser erster Tag – wie schön! Und jetzt ab ins Bett, um Kraft für morgen zu tanken!

Tag 0

Vom 7. Juni – also heute – bis zum 10. Juni feiern wir wieder gemeinsam vier Tage lang das beste Festival der Welt: UnruhR! Neun Jugendtheatergruppen aus dem Ruhrgebiet und Du – auf der Suche nach Kunst, Community und neuen szenischen Orten. Seit 2002 treffen sich jährlich die Jugendclubs der Theater des Ruhrgebiets, um sich gegenseitig ihre Inszenierungen zu zeigen und in Workshops neue theatrale Skills zu lernen. 

Heute feiern wir bei unserem Gastgeber dem Theater an der Ruhr unsere Eröffnung: Mit Buttons und Siebdruck, mit Tarot-Karten und Let’s-Talks-Ecke, mit Polaroid-Fotos und Samenbomben-Bau, mit Reden und Happenings! Danach schauen wir dann gleich die Performances “Let them hear chaos” vom Labor II und “Fühlt sich an wie Treibsand” vom UnruhRgebiet. Und das wird dann unser erster Tag gewesen sein!